Montag, 11. Juli 2011

Kracherwochenende


Dort wo Wein wächst, haben die Menschen Lebensart. Die Natur meint es gut mit ihnen und die Landschaft vermag beim ersten Anblick zu verzaubern. Obwohl solche Weisheiten im Prinzip ganz richtig sind, hatte ich das Städtchen Ingelheim bisher nicht gerade als Juwel des Rheingaus Rheinhessens wahrgenommen. In Erinnerung waren eher die Gewerbeflächen am Rheinufer und das öde Zentrum geblieben. So, wie sich Ingelheim im Februar präsentierte, war es eher etwas für's Herz und für die Leber, - weniger etwas für's Auge.

Umso mehr riss mich mein jüngster Besuch vom Hocker. Von allen Seiten schwappte mir saftiges Rebengrün entgegen. Am Straßenrand und in den Gärten bogen sich die Äste unter der Last von reifen Mirabellen, Kirschen, Pflaumen und Aprikosen.


Weil ich beim Planen und Buchen nicht so richtig aufgepasst hatte, war ich recht erstaunt über den extrem entlegenen Berggipfel, auf dem sich mein Hotel befand. Dass der Besitzer gleich neben den Gästezimmern ein paar relativ große Katzen hält, war mir immerhin am Abend vor meiner Anreise noch aufgefallen.



Die Lage war natürlich alles andere als schlecht. Zu meinem Glück stellte sich heraus, dass nette Menschen ganz in der Nähe abgestiegen waren. Und Google Maps war der Ansicht, dass ich zu Fuß in etwa 30 Minuten bei ihnen sein könnte. - Au, super! Da mache ich mich doch gleich auf den Weg. Die Sonne scheint, Mirabellen wachsen direkt in meinen Mund hinein, entzückende Weinberge säumen den Weg, und ich blicke entspannt auf den Rheingau, yeah!

An der ersten Abzweigung nahm ich Kontakt zur einheimischen Bevölkerung auf, um zu fragen, ob ich wirklich (wirklich?) noch den ganzen Berg hinab steigen müsste. Ja, sagte die nette ältere Dame, bei der ich wenig später auf dem Beifahrersitz landete. Tatsächlich hätte ich sogar nach meinem Abstieg noch ein gutes Stück bergauf laufen müssen und ich bin mir sicher, dass ich den Weg sowieso niemals gefunden hätte. - Danke also an die nette Ingelheimerin, die mich mitgenommen hat!

Auf dem Nachbarberg traf ich also meine beiden Klamottengeschwister und zu dritt setzten wir in unseren weißen Hemden und blauen Jeans den netten Spaziergang auf einer Route fort, die nach Einschätzung von Google Maps wiederum etwa 30 Minuten in Anspruch nehmen sollte.

Mit privaten Einzelheiten will ich meine Leser gar nicht belästigen. Daher kürze ich an dieser Stelle mal erheblich ab. Sofern man zu dem Nachmittag, der auf diesen Spaziergang folgte, zu dem Abend und zu der Nacht überhaupt etwas Nüchternes sagen kann, dann nur so viel: Es war ein Kracher, und ich hatte nichts anderes erwartet. - Ja, nicht nur in menschlicher und gesellschaftlicher Hinsicht! Auch in kulinarischer Hinsicht, lasse ich mir von Arthurs Tochter gerne mal den einen oder anderen Kracher schmecken.

Das erste, was ich bei Frau Tochter am Samstag gegessen habe, waren sozusagen Tomatenkracher, die mit dem ersten Biss herzhaft krachen und danach aromatisch im Mund zerfließen. Die erste Dosis macht sofort abhängig. Danach verteidigst Du Deinen Platz am Büffet und bei nächster Gelegenheit rennst Du los, um Kirschtomaten und weißen Balsamico zu kaufen. - Unbedingt probieren! Unbedingt nachmachen!

Beim nächsten Mal werde ich ganz sicher wieder am nächsten Tag einen kleinen Umweg über Mainz machen. Vielleicht würde ich sogar über Mainz fahren, wenn ich gar nicht in der Gegend von Mainz bin. Umgekippte Sauerkirschen können mich auch in Zukunft nicht aufhalten, wenn ich nach Mainz möchte.



Nein, ich werde geduldig hinter dem Trecker stehen, auch wenn der Magen noch so knurrt. Für den Hahnenhof ist mir kein Weg zu weit. Man muss das verstehen, denn in dieser Mainzer Weinstube kümmert sich Eugen, der österreichische Koch, um die allerfeinsten Backhendl, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Wunderbares Fleisch, zarte Kruste, herrlicher Kartoffelsalat, - es ist ein Traum!


So sah mein perfektes Wochenende aus. Das einzige, was diesen Spaß noch ein bisschen perfekter macht, ist eine kleine Verlängerung am Montag. Damit nicht alles so schnell vorbei ist. Mit Astrids kleinen Krachertomaten denkt man sich gleich beim ersten Biss wieder zurück ins Wochenende. Und dann freut man sich schon aufs nächste Mal.


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