Montag, 5. Juni 2017

Wieso die Prinzessin nicht zu ihrem Brioche kommt

Das Wunder, das dem Adel vorenthalten bleibt

Prinzessinnen-Brioche | pastasciutta.de

Ist es nicht merkwürdig, welche Bilder das Wort Prinzessin im Kopf hervorruft? Die meisten von uns denken doch gleich an junge Frauen in engen Korsagen und wehenden Röcken, mit einem Krönchen auf der wallenden Mähne. An die Märchenprinzessin aus Bilderbüchern, wie es sie vor 30, 40, oder 50 Jahren gab und wie sie sich dann in amerikanischen Zeichentrickfilmen fortsetzte. Die Filme werden jetzt schon lange vom Computer animiert. Aber der Prototyp für die Märchenprinzessin hat sich nicht wesentlich verändert. Sie sitzt immer noch auf ihrem Schloss rum und wartet auf den Märchenprinzen, der sie zur Königin macht. Ab und zu darf sie mal über eine Mauer klettern oder sich als Mann verkleiden, dann gilt sie schon als aufsässig und progressiv.

Prinzessinnen-Brioche, frisch aus der Form gelöst | pastasciutta.de


Ganz so einfach geht das heute nicht mehr. Erstens leben wir nicht im Märchen und zweitens sind die Stellenausschreibungen für Prinzessinnen verdammt knapp geworden. Irgendwann hat die Menschheit festgestellt, dass so viele von der Sorte gar nicht gebraucht werden. In weiten Teilen der Welt wurden auf diesem Sektor ganz flache Hierarchien eingeführt. Und wer weiß, vielleicht ist das auch einer der Jobs, die demnächst von einem Roboter übernommen werden.

Prinzessinnen-Brioche, gelb und butterig | pastasciutta.de


Dennoch scheint es, als hätten einige von ihnen die märchenhafte Zeit überlebt und setzten ihre Existenz in Sondersendungen und Klatschblättern fort. Roben wie im 18. Jahrhundert tragen moderne Prinzessinnen nur noch anlässlich ihrer Hochzeit. Für weibliche Nachwuchskräfte in einigen Ländern der Welt ist mit der großen Familienfeier gleich der Wechsel in den Adelsstand verbunden. Insofern kann die Prinzessinnenuniform an jenem Tag kaum passender gewählt sein. Dass die bürgerliche Frau in völlig adelsfreien Zonen die Sitte beständig nachahmt, nutzt ihr übrigens gar nichts, aber ich schweife ab.

Prinzessinnen-Brioche, leicht und luftig | pastasciutta.de


Im Tagesgeschäft der Gegenwart pflegt sich der Hochadel im Stil der modernen Klassik zu kleiden. Kurzlebiges Zeug entspräche kaum der Botschaft, die übermittelt werden soll. Doch maßgefertigte Designerklamotten gelten immerhin als eine Art Wirtschaftsförderung. Die Nationalität des jeweiligen Couturier ist von Grund auf ein Politikum.

Ganz günstig ist es daher, dass zu den Mindestanforderungen für den Job auch eine entsprechende Kleidergröße gehört. - Kleine, dicke Prinzessinnen sieht man selten.

Schon lange kreisen meine Gedanken darum, was diese ganzen Catherines, Letitizias und Maximas zu speisen pflegen, um ihre gertenschlanke Figur zu behalten. Wahrscheinlich lümmeln sie sich abends mit einer Platte gegrillter Scampi auf dem Sofa rum wie unsereins mit einer Tüte Chips.

Also nee, ich möchte wirklich nicht Prinzessin sein, pflegen ja heute sehr viele Leute zu sagen. Dass man das gemeine Volk nicht mehr nach Lust und Laune rumschikanieren kann, hat die Tätigkeit irgendwie uninteressant werden lassen. Kein öffentliches Rädern und Vierteilen mehr, nur noch Pflichten. Und dann immer die Sache mit der Figur. Ich glaube, wenn die Damen ein paar Gramm zunehmen, dann tritt gleich der Familienrat zusammen, weil jedes Gramm zuviel die Monarchie in Gefahr bringen könnte. Und dann heißt es wieder, wochenlang nix als gegrillter Fisch, Hummer und Scampi, natürlich ohne Fritten und Mayo. Das will ja eigentlich auch keiner.

Wie kommt die Prinzessin denn jetzt zu ihrem Brioche? - Ich fürchte, das wird leider nix. Das gute Gebäck ist nämlich nur für normale Leute. Jede Prinzessin würde sich damit gleich aus ihrem engen Kleidchen sprengen. Andererseits könnten revolutionäre Kräfte ihr dieses hochbrisante Material auch kinderleicht unterjubeln. Niemand würde auf Anhieb bemerken, dass 12 Eigelb und 250 Gramm Butter darin verarbeitet sind. Das Brioche scheint leicht wie eine Feder, ganz luftig und unschuldig. Erst wenn man völlig die Beherrschung verloren und alles verputzt hat, macht sich ein gewisses Sättigungsgefühl bemerkbar.

Zu mir kam dieses Rezept mit dem Schwarzmarkt VII. Unser aller Lieblingsbäcker Manfred Schellin war mit Sauerteig, Mehl und Gedöns angerückt. Den ganzen Tag zog er ein Wunderwerk nach dem nächsten aus den Öfen des Marieneck. Obwohl jedes einzelne Brot ein wahrer Traum war, stachen doch diese unglaublich gelben Brioches aus allem anderen hervor. Etwas derart Luftiges und Zartes, das den Geschmack von Butterbergen und purem Eigelb in sich vereint, hat man selten außerhalb Frankreichs gesehen. Tja, und das wahre Wunder besteht nun darin, dass man dies auch selber zu Hause herstellen kann. Schelli verrät tatsächlich wie es geht (ORIGINALREZEPT).

Das Rezept von Schelli habe ich für meine Zwecke umgeschrieben. Da ich nur eine kleine Mini-Küchenmaschine habe, gibt es eine halbe Portion, basierend auf 500 g Mehl. Das Maschinchen gerät beim Kneten des fetten Hefeteiges trotzdem an den Rand seiner Möglichkeiten. Außerdem bedampfe ich meinen Ofen nach Hausfrauenart und nicht mit der Raffinesse des Profis.

Die Verwendung des französischen Baguettemehls ist aus meiner Sicht unerlässlich. Wie Versuche gezeigt haben, lassen sich mit handelsüblichem Mehl nach diesem Rezept lediglich schöne, gelbe Ziegelsteine mit Buttergeschmack herstellen. Sicherlich kann es auch nicht schaden, bei den übrigen Zutaten ebenfalls auf Qualität zu achten. Dass ich gerade ein bisschen zu viel von der leckeren Aubel-Butter aus Belgien mitgebracht hatte, traf sich ganz gut.

Prinzessinnen-Brioche, vor dem Backen | pastasciutta.de


Prinzessinnen-Brioche 

Poolish/ Vorteig:


100 ml Wasser, 18°C
0,5 g Hefe
100 g T65 Label Rouge


Die Hefe in dem Wasser auflösen. Das Mehl einstreuen und alles homogen vermischen. Bei Zimmertemperatur 12-20 Stunden reifen lassen.


Hauptteig
200 g Poolish
220 g Eigelb (etwa 11 Stück, Größe L)
15 g Hefe
400 g T65 Label Rouge
50 g Zucker
8 g Salz
1 EL Sahne
250 g weiche Butter

Eistreiche
1 Eigelb
etwas Milch
Herstellung des Hauptteiges:
Die Hefe in den Vorteig bröseln und ganz darin auflösen. Den Vorteig in die Küchenmaschine geben und die Eigelbe einarbeiten. Es soll ein ganz glatter, homogener Teig entstehen. Mehl, Zucker und Salz mit einander vermischen und nach und nach in die Küchenmaschine geben. Alles wieder zu einem glatten und homogenen Teig verarbeiten. Mit einem Löffel Sahne nachhelfen. Zum Schluss die weiche Butter einarbeiten und so lange kneten, bis der Teig die Butter ganz aufgenommen hat. 
Den Teig bei Zimmertemperatur 90 Minuten gehen lassen.
Danach in die gewünschten Formen bringen und nochmals kräftig aufgehen lassen. Zwischendurch zwei Mal mit einer Mischung aus Ei und Milch bestreichen.
Den Backofen mit Umluft auf 170°C vorheizen und eine flache Schale mit Wasser hineinstellen. Das Gebäck auf 94°C Kerntemperatur bringen. 

5 Kommentare:

Barbara Furthmüller hat gesagt…

Ich wollte früher ja lieber Räuber als Prinzessin werden - mir schien das Prinzessinnen-Leben irgendwie zu langweilig. ;-)

Brioche wiederum mag ich sehr gerne und backe ab und zu auch selbst eins. Allerdings mit weniger Eiern, und mit relativ normalem Mehl. Für mich Räuber reicht's, aber eine Prinzessin würde man damit wohl kaum von der Diät weglocken.

Dein Rezept räubere ich mir trotzdem mal; wenn ich Appetit auf fluffiges nobles Gebäck habe, dann bin ich vorbereitet.

nata hat gesagt…

Gibt ja auch deutlich mehr Räuber als Prinzessinnen. Wahrscheinlich findet man da eher eine Beschäftigung.

ostwestwind hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
ostwestwind hat gesagt…

So, neuer Versuch: Wer will schon Prinzessin sein, pfft. Lieber klein und dick, selber Brioche backen können und aufessen und mit einem Inschennör glücklich sein 😆

Miz Threefivesix hat gesagt…

Wie - ein halbes Gramm Hefe?? und für dieses Rezept muss man ja ganze Hühnerhöfe ausrauben! Ich fahre dann doch mal nach Frankreich...

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