Donnerstag, 19. Dezember 2013

Drei Wünsche im Schnee - Adventskalender im hundertachtziggrad° Blog



Berge, nichts als Berge. Wie bin ich nur hier hin gekommen? Überall sehe ich Berge und mir scheint, ich laufe sogar auf einem Berg herum. Der Weg führt steil bergauf und jeder Schritt ist anstrengend. Der Schnee knarzt unter meinen Sohlen und sonst hört man nichts. Höchstens noch mein Schnaufen und das leise Zischen des Bobs, den ich an einer Schnur hinter mir her ziehe. Ich stapfe immer weiter durch den Schnee.

Irgendwo hinter mir liegt ein Dorf. Es ist der 19. Dezember und es lässt sich erahnen, dass bald etwas passieren wird. Alles ist irgendwie in Vorbereitung, dort unten. 

Auch die schneebemützten riesigen Tannen habe ich längst hinter mir gelassen. Der Weg ist immer schlechter zu erkennen, je höher ich komme. Immer öfter sinke ich bis zu den Knien in den Schnee ein. Die Versuchung ist groß, sich einfach umzudrehen, eine 180°-Wendung zu machen, und sich in den Bob zu setzen. Der flache Plastikschlitten würde mich in wenigen Minuten zu einem warmen Kaminfeuer und einem Glas Rotwein bringen. Wie gesagt, die Versuchung ist groß. Aber ich brauche ja noch etwas für den Adventskalender, und so stapfe ich weiter, ziehe den Schlitten, sinke ein und rutsche auch mal ein Stück bergab, wenn ich nicht aufpasse.



Als ob die Luft nicht ohnehin schon so dünn wäre, raubt mir der Ausblick zusätzlich den Atem. Ein Amphitheater aus Gipfeln und Schnee erstrahlt im Sonnenlicht. Der Weg vor mir führt nur noch ein kurzes Stück geradeaus und macht dann eine Biegung nach rechts. Irgendwas bewegt sich, wo der Weg hinter dem Berg verschwindet. Als ich näher komme, stelle ich fest, dass dort jemand auf mich wartet. - So ein Glück!

Kennst Du mich? fragt der Typ. 

Äh, guten Tach auch. - Nee, müsste ich?

Ich bin doch der Olli! Aus Düsseldorf!

Ein Blick auf seinen 1.000 Euro-Skioverall hätte schon ein Hinweis sein können, stelle ich fest. Den hat er sicher auf der Kö gekauft, - haha. Und dann werde ich aufgeklärt. 

Ich bin ein Starkoch, weil ich immer im Fernsehen koche. Meine Sendung heißt, Der Koch am Klavier, weil ich da immer koche und Klavier spiele, verstehst du? Deswegen nennt man mich auch den pianierenden Koch, haha haha!

Ist nicht wahr, das denkst Du Dir doch aus. 

Nein, ich bin wirklich ein Starkoch. Und Du hast wahnsinniges Glück, weil Du mich hier triffst, denn wenn man einen Starkoch trifft, dann darf man sich etwas wünschen.

Scheint so, als hätte ich wirklich mal Glück gehabt. Denn da ist ja immer noch die Sache mit dem Adventskalender.

Ich muss für meine Freunde vom hundertachtziggrad° Blog unbedingt ein Adventskalendertürchen füllen. Kannst Du mir da helfen? 

Ha! Nichts leichter als das. Da muss ich nur mal kurz mein Zauberhandy zücken und SIMSALABIM kommt meine reizende Assistentin mit einem Kilo feinstem Kö'be-Rind.

Was? - Halt, Stopp! Ersma gar nix zücken! Erklär doch mal, WAS Du gerade herzaubern willst. - Kö'be-Rind?

Ja! Das ist eine Erfindung von mir. Die Rinder werden in Düsseldorf gezüchtet. Kobe kannst du gegen Kö'be glatt vergessen. Unsere Rinder werden nur mit Panko und Balsamicoreduktion gefüttert. Sie laufen im Sommer auf der Kö herum und im Winter werden sie mit Nerzmänteln warm gehalten. Kenner essen natürlich nur das Filet, eingewickelt in Blattgold. Den Rest werfen wir weg oder verkaufen ihn nach Köln.

Mir wird schlecht. Wer weiß, wie oft ich das schon gegessen habe, ohne es zu wissen. Während Olli von seiner reizenden Assistentin ein Klavier in den Schnee zaubern lässt, vergewissere ich mich, dass der Bob noch da ist und mache mich wieder auf den Weg. Olli schmettert einen alten Hit von Roland Kaiser, der mich regelrecht den Berg hinauf treibt.

Aber nun habe ich begriffen, wie die Sache funktioniert. Wo ein Starkoch ungefragt Wünsche erfüllt, dort findet sich wahrscheinlich noch ein zweiter. Und tatsächlich, kaum ist das letzte Santa-Maria-Echo verklungen, nehme ich vor mir auf dem Weg eine Gestalt wahr. Als ich ihr näher komme, beschleicht mich so eine Ahnung.

Den kenne ich doch! Aus dem Fernsehen!

Siggi muss man einfach kennen, denn der Berliner ist präsent auf allen Kanälen, öffentlich-rechtlich oder privat. Keiner kocht ohne Siggi. Niemand kann ihm entrinnen. Siggi grinst von Plakaten herab, lauert in Zeitschriften und springt Dich mit Pop-up Werbung aus dem Internet an. Immer dabei und auch jetzt, im Schnee, sehr leicht zu erkennen: die lederne Arzttasche, die so etwas wie sein Markenzeichen ist.

Ich hoffe sehr, dass ich hier mehr als nur einen Gesundheitstipp kriege, denn damit würzt Siggi bekanntlich am allerliebsten. Kaum hat er mich bemerkt, geht es auch schon los. 

Janz schön uffjerecht, weilde mich hier triffst, wa? Nu lass aber mal det Jeschnaufe!

Äh, guten Tag, schön, dass ich sie hier treffe.

Da haste aber Glück jehabt. Ich wollte gerade wieder abzischen, weil niemand kommt. Da machste hier 'ne Autogrammstunde ofen Berg und da kommt keena. Aber nu biste ja da. Wie viele willste denn ham?

Siggi-Starkoch öffnet die Arzttasche, die randvoll mit Autogrammkarten ist, alle fertig signiert. Einen Packen mit zirka 50 Stück hält er mir unter die Nase. 

Det haste Dir doch jewünscht, wa?

Meine Güte, das wird ja immer schlimmer! Ich kann doch nicht diese blöden Autogrammkarten in den Adventskalender stopfen. Zum Glück stehen wir an einer günstigen Stelle. Vor mir führt der Weg einige hundert Meter bergab. Ich springe mit Anlauf in meinen Bob und verschwinde.

Schon bald komme ich an ein rosafarbenes Häuschen und bin wieder ganz voller Hoffnung. Rosa! - Ich meine, gibt es eine schönere Farbe als Rosa? Das Häuschen sieht aus wie ein Cupcake, und das sollte mir eigentlich eine Warnung sein. Aber der Cupcake ist nicht nur rosa, sondern auch noch mit GLITZER überzogen, - also schöner geht es ja nun wirklich nicht! In der Tür steht eine Frau, der offensichtlich ein Bergadler auf den Kopf gemacht hat. Ach nein, als ich meinen Bob vor der Cupcakehütte parke, sehe ich, dass es sich wohl um eine Frisur handelt. Was die Prominenz dieser Dame angeht, muss ich leider passen. Ich habe sie noch nie gesehen. 

Haaaaaaaiiiii! Das ist aber liiiiieb vin diiiiiiiiiir, dass du vorbeikommst!

Meine Ohren müssen sehr unter dem Fahrtwind gelitten haben. Ich kriege dieses Klingeln gar nicht weg. Oder schreit da ein Baby?

Hallo, sind Sie eine Starköchin? Ich hätte da einen Wunsch für ein Adventskalendertürchen...

Ooooh, Duuuuu, das ist aber liiiiiiiiiiiieb! Ich bin Tiiiiiiiina und ich koche und backe in der "Show mit der Zaubermaus". Klar, kannst du dir bei mir was wünschen.

Jedes Mal, wenn die Zaubermaus spricht, scheint im Hintergrund eine Lawine abzugehen. 

Ja gut, welcher Wunsch geht denn besonders fix? Es wird ja auch bald dunkel und ich muss noch mit dem Schlitten bis nach Köln fahren.

Die Zaubermaus überlegt nicht lange und pflückt einen glitzernden Brocken von ihrem Cupcakedach ab, der sich bei näherer Betrachtung als ein perfekter, kleiner rosa Glitzer-Cupkake herausstellt. WHAHAU! Das ist ja genau richtig für mein Adventskalendertürchen! Ich bin ehrlich begeistert! Sowas Tolles hat bestimmt keiner!

Ja, das habe ich wirklich super gemacht, meint die Zaubermaus. Eigentlich bin ich auch berühmt dafür, dass ich so super bin. 
Aber weißt Du, was das beste ist: Ich backe meine Cupcakes alle ohne Butter und ohne Zucker!

Ich weiß gar nicht, was schneller herunter fällt, der teuflische Cupcake oder mein Gesicht. Jedenfalls springe ich wie der Blitz in meinen Schlitten und rase davon. Nix wie weg! Gegen 5:00 Uhr heute morgen komme ich am Autobahnkreuz Köln-West an. Wenig später erreiche ich meine Wohnung, wo ich gleich einen Topf auf den Herd stelle. 

(Weihnachtssirup)
250 g Zucker und ein paar Esslöffel Wasser hinein und heiß machen. Vorsichtig sein und aufpassen, weil der Zucker knallheiß ist. Nicht den Löffel ablecken, Kinder und Haustiere fernhalten.

Sobald der Zucker hellbraun wird, den Topf vom Herd ziehen und etwas abkühlen lassen. 300 ml Wasser aufgießen und dann wieder aufkochen. Von einer Bio-Orange mit dem Sparschäler etwas abschälen. Die Schale, ein paar Nelken, eine klein geschnittene Vanilleschote und eine halbe Zimtstange in den Sirup geben und alles kurz kochen lassen. Falls ein intensiveres Aroma gewünscht wird, kann man den Sirup auch 24 Stunden ziehen lassen, am nächsten Tag noch einmal aufkochen und dann in eine saubere Flasche füllen.

Der Weihnachtssirup verleiht allen Getränken und vielen Lebensmitteln einen unverwechselbaren Weihnachtsgeschmack. Gefällt mir persönlich in Rotwein, mit Rum, auf Vanillepudding und im Tee. Aber am besten mit Rum.



Liebes hundertachtziggrad° Team! Ich danke Euch sehr dafür, dass ich dieses Adventskalendertürchen füllen durfte. Es hat mir großen Spaß gemacht. Ich wünsche Euch und allen Euren Lesern noch einen schönen Advent und ein wunderbares Weihnachtsfest!


Sonntag, 15. Dezember 2013

Pastasciutta macht Plachutta - oder etwas ganz Anderes



Wer braucht schon für Schmorgerichte ein Rezept? - Also, in diesem Fall kam das Rezept gleich mit den Zutaten. Meine Eltern hatten Kalbsbäckchen erstanden und lieferten sie sogar frei Haus. Jippieh! Vier Stück, 1,075 kg, ursprünglich aus Belgien. Dazu gab es ein Rezept von Plachutta, verbunden mit der strikten Anweisung meines Vaters, auch ja dieses wunderbare Rezept zu verwenden.

Natürlich weiß Ewald Plachutta, wovon er schreibt, und so hielt ich mich ganz exakt an die Anweisungen des Großmeisters der Wiener Küche, - jedenfalls so ungefähr. Die Hälfte konnte ich beim ersten Lesen schon wegstreichen, denn es handelte sich um Geschmorte Kalbswangerln mit Zweigeltsaft und Pilzen.

Pilze schmecken gut und sind an sich keine schlechte Sache, wenn man sie verträgt. Bei mir ist das leider nicht der Fall. Zweigelt ist wahrscheinlich auch super, aber derzeit für mich unerreichbar. Und Kalbswangerln? Ich meine WANGERLN? Wer mich kennt, weiß, dass ich grundsätzlich so rede, wie mir die Schnüss gewachsen ist. So etwas wie Wangerln würde ich nie in den Mund nehmen. Also stand da nach meinem Verständnis:

Geschmorte Kalbswangerlnbäckchen mit ZweigeltRotweinsaft und Pilzen

Danach folgten wirklich nur noch ein paar ganz klitzekleine Änderungen. Eine davon hatte mit meiner Schmorpfanne zu tun. Wie im Originalrezept, brate ich Fleisch und Gemüse nach einander an. Doch meine Riesenpfanne mit Deckel passt leider nicht in den Backofen. Anders als Plachutta komme ich auch nicht mit 50 Minuten Garzeit aus, sondern meine Kalbsbäckchen brauchen deutlich länger. Nach zwei Stunden habe ich nicht mehr auf die Uhr gesehen. Die Bäckchen waren einfach irgendwann butterzart und ganz nebenbei hatte ich die Gnocchi gerollt. Der Rotweinsud (den ich anders als der Großmeister auch nicht mit Speisestärke gebunden habe) schmeckte schön fleischig und würzig, wie eben nur Saucen mit Kalbfleisch schmecken. Wenn mein Magen etwas stabiler wäre, hätte ich den Sud mit Butter gebunden, aber er schmeckt auch pur ganz köstlich.

Kalbsbäckchen im Rotweinsud

1 Zwiebel
1/4 Sellerieknolle
1 große Möhre
4 Knoblauchzwiebeln
Salz
Olivenöl
1 EL Tomatenmark
1/2 l Rotwein
1/2 l Gemüsebrühe
schwarzen Pfeffer
Thymian

Bitte nicht beachten: Oben drauf liegt ein Stück Kalbsbraten aus der Keule. Weiß auch nicht, wer das gegessen hat.

Mit Schmorgemüse muss man nicht gerade sparsam sein, finde ich.

Das Fleisch von allen Seiten in Olivenöl anbraten und dabei mit etwas Salz würzen. Das Fleisch aus der Pfanne nehmen.
Das Gemüse in kleine Würfel schneiden und mit Salz in Olivenöl bei mittlerer Hitze anbraten. Mit schwarzem Pfeffer würzen und das Tomatenmark kurz mit dem Gemüse rösten. Mit Brühe und Wein aufgießen und das Fleisch wieder in die Pfanne geben. Mit Thymian würzen und bei schwacher Hitze und geschlossenem Deckel ganz leicht simmern lassen, bis das Fleisch butterweich ist. Das dauert mindestens zwei Stunden, aber eher länger.

Wer es schafft, in dem betörenden Duft dieser Kalbsbäckchen nicht ohnmächtig zu werden, kann unterdessen ein paar Gnocchi herstellen.


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