Montag, 12. April 2010

Monsieur, der Kommissar, die Holzofenpizza & ich

In Saarbrücken gelesen


Gregor Weber und Stevan Paul kommen gerade vom Essen. Sie waren im Adler  und hatten drei Gänge. Die Herren sind offenbar satt und zufrieden. Was es denn gab, will ich von ihnen wissen. Kalbsnierchen für Herrn Paul und Cassoulet für Herrn Weber. - Na, dann kann es ja losgehen. Rasch noch einen Schluck Mineralwasser, das der Mann von Sparte 4 auf dem Requisit des Abends, einem weißen Tisch, bereit gestellt hat.

Gregor Weber kenne ich, habe ich tausendmal gesehen und erkenne ich auf den ersten Blick. Zwar sehe ich den Becker-Stefan unter dem kurz geschorenen Haarflaum und hinter der dick geränderten Brille kaum noch durchscheinen. Aber als  Kommissar Stefan Deininger kommt der Schauspieler rüber wie ein alter Bekannter, den ich zufällig in einem kleinen Saarbrücker Theater treffe. Für mich ist Deininger eine der interessantesten Tatortfiguren überhaupt. Immer ein bisschen gefrustet, weil ihm der Jungspunt aus München vor die Nase gesetzt wurde, auf den Posten, den eigentlich er sich ausgerechnet hatte.

Gregor Weber, der Schauspieler, Koch und Autor, wirkt allerdings kein bisschen frustiert, sondern eher erfreut darüber, dass er mit Stevan Paul den Abend bestreiten darf. Die beiden machen einen Eindruck wie alte Freunde, auch wenn sie sich nicht wirklich lange kennen. Doch schnell wird klar, dass die beiden Köche etwas Echtes, ganz Elementares, verbindet. Beide lesen aus ihrem jeweiligen Buch, das sich aus Erfahrungen aus der Profiküche speist. Die Autoren haben es erlebt, das eisenharte Schuften am heißen Herd, die Plackerei hinter den Kulissen der Spitzengastronomie. Der Schauspieler Weber legt vor und eröffnet den Abend mit dem Anfangskapitel von "Kochen ist Krieg!", der präzisen Beschreibung aller Posten und wichtiger Abläufe in der Küche des Restaurant Vau.

Danach eine Episode "Monsieur, der Hummer und ich", Grillkultur in Deutschland, neun Fertigsoßen aus dem Supermarkt und vier Grillwürstchen. Angeblich sind 50 Minuten verstrichen, als die Köche ihren Vortrag unterbrechen. Der köstliche Stoff und das unterhaltsame Vorlesen haben die Zeit scheinbar schneller verstreichen lassen.

Stevan Paul hinterlässt den Eindruck, als verfüge er ebenfalls über schauspielerisches Talent, denn er liest nicht einfach ab. Der Blogger und Food-Stylist schlüpft in unterschiedliche Rollen, wechselt den Gesichtsausdruck, produziert verschiedene Klangfarben und spricht mit wahlweise griechischem oder österreichischem Akzent, je nach dem, was seinen Figuren gerade Leben einhaucht.

Nach der Pause ermuntern Stevan und Gregor das Publikum zum Fragen. Doch so richtig dringend will niemand etwas wissen. Vermutlich liegt es daran, dass die Sitzsäcke so gemütlich und das Raumklima so anstrengend ist.

Ein paar Meldungen kommen dann doch. Ich glänze mit der Frage, die bei jeder Lesung gestellt wird, indem ich Einzelheiten über Kolja Kleeberg wissen will. Ob er denn die Brigade ebenfalls mit Gesang und Spiel erfreue. Sehr originell. - Gut, ist klar, er ist natürlich in erster Linie Unternehmer, aber ohnehin war es nur eine Plauderfrage, die ich gestellt habe, um Weber zum Erzählen zu ermuntern. Eine Zuschauerin will wissen, warum das Kochen in der Profiküche so frustrierend ist, sie habe schließlich auch schon öfter für zehn bis zwölf Leute gekocht und immer Spaß dabei gehabt. Die Antwort darauf steht im ersten Kapitel von "Kochen ist Krieg", das Gregor Weber gerade vorgelesen hat. Kann die Dame später nochmal nachlesen, steht ja im Buch.

Der zweite Teil des Programms verfliegt mit Geschichten über Restauranttester im Allgemeinen und Wolfram Siebeck im Speziellen. Beide Köche können aus dem Besteckkästchen plaudern, alles echt und wirklich erlebt. Im Meisterhaus in Unna wird der Holzofen noch mit Liebe befeuert. Ich kann den Wahnsinnsgeschmack von Buchenglut beinahe auf der Zunge spüren.

Leider reicht meine eigene Kohle nur noch für ein einziges Buch von zwei echten Literaturgranaten. Gregor Weber, der an diesem Abend ein Heimspiel hatte, steht geduldig mit einem Dauerschreiwer an der Theke. Nachdem ich ihm auf die Nase gebunden habe, dass ich extra für diesen Abend aus Köln nach Saarbrücken gereist bin, signiert er das Buch.


Gregor Weber: Kochen ist Krieg!
Stevan Paul: Monsieur, der Hummer und ich.

10 Kommentare:

Bolli's Kitchen hat gesagt…

ach nee, auch ein Kölner?....

Leider kenne ich die alle nicht, da ich seit Jahrzehnten kein dt. Fernsehen mehr gesehen habe....

Freundin des guten Geschmacks hat gesagt…

Den Deiniger, alias Gregor Weber, oder umgekehrt?, finde ich auch super. Ich habe schon einige Interviews mit ihm gehört im WDR und könnte stundenlang zuhören. Toller schauspieler und warscheinlich guter Koch.
Hast sicher einen tollen Abend gehabt.

Milliways hat gesagt…

Ich ärgere mich, dass ich mein Autogramm vom Gregor nicht mehr finde. Auf der gleichen Karte hatte auch die Alice Hoffmann unterschrieben... damals, als der Heinz Becker noch gut war ;).

"Kochen ist Krieg" steht übrigens schon in den Startlöchern... ich muss nur noch "Die Tore der Welt" zu Ende lesen.

Geniesser hat gesagt…

Auf dem Fingernagel-Bild in der Ankündigung dieses Posts in meinem Blog sah das Aufmacherfoto aus wie eine Zeichnung von Michael Sowa.

Isi hat gesagt…

Ach ich beneide dich. Da wäre ich auch gerne dabei gewesen. Das "Kochen ist Krieg" habe ich zu Weihnachten bekommen und schon gelesen. Mir hat es gefallen.

nata hat gesagt…

@Bolli's Kitchen: Wer ist Kölner? Der Saarländer? Oder ich? Ja, ich bin in Köln geboren. War aber nur sehr selten im Fernsehen.

@Freundin des guten Geschmacks: Ja, war wirklich ein toller Abend. Ich bin auch ein fan von Kommissar Deininger. Aber Herr Paulsen war ebenfalls grandios.

@Milliways: Tut mir leid, hätteste eher was gesagt, hätte ich Dir ein Autogramm mitgebracht. Aber, Du kannst Dir meins ja schön ausdrucken ;o)

@Genießer: Du hast mal wieder recht. Es sieht aus wie ganz große Kunst.

@Isi: Vielleicht ergibt sich für Dich auch noch mal eine Gelegenheit, einen von beiden zu sehen. War wirklich toll.

Bolli's Kitchen hat gesagt…

Dich meinte ich.

Der Rest bezog sich auf das dt. Fernsehprogramm.

nata hat gesagt…

@Bolli: Ahaaa!

365 Tage hat gesagt…

Interessanter Blick nach Saarbrücken. Auf die Idee "Familie Heinz Becker" anzusehen, wäre ich niemals gekommen, schon gar nicht dass der facettenreiche Kommissar da zu Gange ist. Bloggen bildet!

nata hat gesagt…

@365 Tage: Gregor Weber spielt schon länger nicht mehr den Stefan Becker. Es war sozusagen die Rolle seiner Jugend.

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